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Carla saß in der U-Bahn und hing ihren Gedanken nach. Wie oft schon war sie diese
Strecke abgefahren, jedesmal wunderte sie sich neu, wenn sie an den U-Bahnhöfen
mit den ‘toten Augen, wie sie sie nannte, vorüber fuhr. Das waren die ausrangierten
Stationen im Fließbereich der Spree, die nicht mehr benutzt wurden, seit der
Teilung Berlins. Seltsam anmutende Geisterbahnhöfe, die im Dunkeln gelassen nur
vom aufmerksamen Betrachter schemenhaft wahrgenommen werden konnten.
So war es Carla möglich, wenigstens unterirdisch diesen Teil ihrer Stadt zu berühren
und sie kam sich vor, wie ein ungeborenes Kind im Mutterleib, das vehement versuchte
mit der Mutter Kontakt aufzunehmen, obwohl es von ihr noch nie was sah und nicht wußte,
ob sie ihm wohlgesonnen ist oder nicht. Doch es war dieses instinktive Gefühl, dass sie
willkommen sein würde. So wie ein Kind sich auch sicher sein kann, von der Mutter geliebt
zu werden.
Die meisten Fahrgäste lasen Zeitung oder starrten vor sich, schienen die Existenz
dieser Tabustationen gar nicht zu bemerken. Nur Carla war sich ihrer genau bewußt,
sie streiften die Grenze ihres höchstgespannten Wahrnehmungsvermögens.
„U-Bahnhof Spittelmarkt“, sagt eine Stimme, das war die Station, an der sie raus
wollte. Carla nahm 2 Stufen auf einmal und sprang die Treppe hoch. Wieder an der
Oberfläche löste sich der Alpdruck von ihrer Brust etwas. Sie überquerte die Straße
und bog um die nächste Häuserecke. Da schlängelte sich auch schon dieses
graue Band entlang, Gegenstand ihrer Alpträume und Qual ihrer Gegenwart.Sie wählte
den Fußweg neben der Mauer. Das war für sie ihre ganz persönliche
Schmerzbewältigung. Stumpf und monoton zog sich das Mauerwerk neben ihr entlang,
war durch kein Muster, keinen bunten Stein, durch nichts unterbrochen.
Tom hatte ihr erzählt, daß es auf der anderen Seite ganz anders aussah, viel bunter, schrill und
mit vielen Ornamenten und Aufschriften verziert. Ein sich hinschlängelndes
Kunstwerk mit internationaler Beteiligung. Sowohl Westberliner, die ihre ganz
bestimmten Botschaftenund ihren Grenzfrust loswerden wollten, als auch die vielen
Grenztouristen aus aller Herren Länder hatten sich darauf auf ihre eigene Art verewigt.
„Das würde dir sicher gefallen“, meinte Tom. Sie zuckte nur müde die Achseln.
Das ganze Ding war überflüssig und sollte mit tausend Vorschlaghämmern gleichzeitig
beseitigt werden, war ihre Auffassung. Eine Abmilderung durch künstlerische
Verschönerung war hier nicht möglich. Trotzdem würde sie es zu gerne mal sehen,
von der anderen Seite!
Die andere Seite - oft versuchte Carla sich davon irgendeine Vorstellung zu machen.
„Nicht viel anders“, fand Tom, „nur viel heller und bunter“. Ihn nahm das alles nicht
so mit. Er war Eisenbahner aus Wiesbaden - nebenbei Hobbyschriftsteller und
Weltreisender - wie er sich ihr vorgestellt hatte, als sie sich in der Blueskneipe,
einen Steinwurf vom Alex entfernt, kennenlernten. Der Abend wurde lang und
nach Gesprächen, die endlos schienen, entdeckten sie nach und nach auch ihre
Sympathie für einander. Sie beschnupperten sich wie zwei lebende Exoten, jeder aus
einer anderen Welt, von einem anderen Planeten. Und es war wie ein Sog, der da zwischen
Ihnen entstand - mehr als Sympathie, war es Liebe?
„Du mußt wiederkommen“, sagte Carla. „Ich will wiederkommen", sagte Tom. Er hatte noch
ein paar Tage Aufenthalt im Westteil der Stadt.
Diese führten dazu, dass für Carla die toten und die lebendigen Bahnhöfe im Grenzbereich
zur zweiten Heimat wurden.
Sie holte Tom immer vom Grenzübergang Friedrichsstraße ab, wohl bewußt, daß sie nach
den ersten Malen bis zum S-Bahnhof am Grenzübergang immer unfreiwillligen Begleitschutz
erhielt. Sich unauffällig wähnende Typen mit Einkaufstaschen in der Hand wählten immer
die gleiche Strecke wie sie. Das verlieh dem Ganzen einen besonderen Reiz. Das es so
bedeutsam sein konnte, einer alltäglichen Sache nachzugehen, nämlich ganz einfach eine
Straße entlang zu gehen, verwunderte sie. Und einen Augenblick lang wähnte sie sich in
so einem komischen Agentenfilm aus den 50er Jahren, in dem Leute von Spitzeln mit
hochgeschlagenem Mantelkragen und tief sitzenden Hüten observiert werden. Wäre Tom
ein ganz normaler Ostberliner Junge gewesen, hätte sie da auch dieses Kribbeln gespürt
und diese Spannung?
Nach dem dritten Treffen stellte sie Tom ihrer Mutter vor,
die sich nur kopfschüttelnd fragte, was sie mit diesem Typen, ungekämmt und fern der
Heimat wohl anfangen wollte. Aber sobald Tom da war, gab es für Carla keine Grenze.
Sie liebten sich an allen Ecken und Enden der Stadt - die sechzehn Stunden am Samstag
und Sonntag, die ihnen blieben. Bitter war immer der Abschied, kurz vor Mitternacht,
am Tränenpalast im Grenzbereich, hier ging es für sie nicht weiter. Das ging jedesmal
hart an die Schmerzgrenze für Carla. Ob Drüben wohl eine andere Frau auf ihn warten würde?
Ach könnte sie ihm doch nur folgen!
Im Zug zurück malte sie sich aus, wie es wäre, einfach einmal an so einem toten Bahnhof
aus dem Zug zu springen und sich hochzubuddeln an die Oberfläche Westberlins. Oder
mit dem Paß einer Frau, die ihr ähnlich sähe, ganz cool sitzenzubleiben, die Paßkontrolle
der Grenzbeamten abzuwarten und dann mit der S-Bahn einfach weiterzufahren nach
Drüben. Eine andere Möglichkeit wäre, einfach in die Spree zu springen und rüber
zu schwimmen in der Nacht. "Alles Hirngespinnste", würde ihre Mutter sagen. Es stand
zuviel auf dem Spiel. Die Verwandten, die Freunde, die sie zurücklassen müßte...
Mit dieser Verantwortung könnte sie nicht leben.
Manchmal schien sie es nicht auszuhalten, doch Tom küßte ihre Zweifel immer
wieder weg, ihre Ängste, ihre Trauer... Er war da und er kam auch immer wieder,
drei Jahre lang. Ziemlich lang für eine begrenzte Zeit, wie sie hinterher feststellen
mußte. Immer in Abständen von zwei Monaten. Doch irgendwann wurden die Abstände
immer länger, die Abschiede immer trauriger und die Leere danach immer größer.
Die Grenze des Aushaltbaren war für Carla erreicht und sie bat Tom, nicht mehr zu
kommen, in der stillen Hoffnung, dass er aufbegehren würde, ihr vorschlagen würde, sie
zu heiraten, damit sie ihre Beziehung legalisieren und die Barriere zwischen ihnen
überwinden konnten. Doch diese Hoffnung hatte sich nicht bewahrheitet und ihre Wege
trennten sich.
Heftiges Sirenengeheul schrillte und Carla schreckte hoch. Sie blickte um sich und
sah das Zifferblatt ihres Weckers neben dem Bett. Himmel, dachte sie, wieder dieser
Traum und mit solcher Intensität. Wann würde sie bloß mal davon loskommen? Das war
doch alles schon solange her und so weit weg,jenseits der Grenze des Vorstellbaren
inzwischen.
Sie lachte laut auf. Dieser Tom aus Wiesbaden.
Als sie ihn 1989 anrief, kurz nach dem die Grenze offen war, voller Neugier und mit vor
freudiger Erwartung zitternder Stimme, hatte er jedoch Mühe, sie einzuordnen. Als endlich der
Groschen bei ihm fiel, erzählte er dann, daß er immer noch im elterlichen Haus wohnte mit
seiner Freundin, und sie sich das Dachgeschoß zu einer hübschen Wohnung ausgebaut hatten.
Wie unsagbar interessant! Die Mauer war gerade gefallen und er ließ sich aus über Badfliesen,
Holzverkleidungen und andere Belanglosigkeiten. Er hatte jetzt einen Posten als Bahnbeamter.
Nüchtern und verfremdet klang ihr seine Stimme. Wo war der Rebell, der die
Bundesbahn umkrempeln, Züge für grenzüberschreitende Sonderfahrten in den Ostteil der
Stadt kapern und sämtliche toten Bahnhöfe renovieren und wieder in Betrieb nehmen wollte?
Nachdem sie eine Viertelstunde lang das Gespräch in diesem Stil weiterführten legte Carla den Hörer
enttäuscht aber befreit auf. Ihr war jetzt klar, daß ihre Begegnung ein Grenzfall war. Dessen wurde sie
sich endlich bewußt. Und trotzdem konnte Carla jetzt wieder befreit atmen.
Sie genoß jeden einzelnen ihrer Atemzüge... grenzenlos.
© Kerstin Szanyi (Januar 2002)
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