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"Ach", sagte das kleine, pummelige Wachsengelchen, " da hat sich jemand zu uns
gesellt". Und es schien als ob seine schon etwas verblassten roten Wänglein
und ebenso sein orangenfarbenes Kleid – welches ihm den liebevollen Spitznamen
‚Kürbisengelchen‘ eingebracht hatte - etwas mehr Farbe bekamen und wieder an
Leuchtkraft gewannen. Seitdem es wieder hervorgeholt wurde, um neben
dem Schokoweihnachtsmann, dem schon ein bißchen abgewetzten Plüschrentier
und dem winzigen Holzschlitten im Schaufenster des kleinen Schreibwarenladens
als Weihnachtsschmuck posieren zu dürfen, waren die ersten Tage üblicherweise
ziemlich langweilig verstrichen. Kaum jemand, der Notiz von ihm nahm , nur ab und
zu drückte sich ein Kind die Nase platt und nahm bewundernd das Engelchen und
die anderen Utensilien in Augenschein.
Heute nun war ein besonderer Tag, da hatte man noch jemanden zu ihnen gestellt.
Neugierig musterte es den Neuankömmling. Es war ein Holzmännlein in schmucker
Bergbauuniform. Es trug eine blaue Uniformjacke mit silbernen Knöpflein und
roten Schulterstücken am Rever. Seine weiße Hose steckte in langen, schwarzen
Stiefeln mit hohem Schaft, die blitzblank geputzt waren, und auf dem Kopf hatte es
ein fesches, schwarzes Käppi. In seinem kleinen, markant geschnittenen Gesichtlein
blitzten neugierige, braune Knopfaugen. Nur seine Körperhaltung schien etwas
unbequem, den es hatte den rechten und linken Arm seitlich weit ausgestreckt und trug
silberne Tellerchen in den Handflächen. „Wozu diese wohl gut waren?“, fragte sich
das Engelchen. Doch seine Frage wurde sogleich beantwortet, denn Onkel Hans,
der alte, gutmütige Kauz, dem der Lottoladen gehörte, versuchte mit spitzen Fingern
zwei Kerzlein in den Handflächen des Männchens zu befestigen. Als er fertig war
prüfte er zufrieden das Endergebnis. Hm, diese Holzschnitzerei aus dem Erzgebirge
wird sich gut machen hier, dachte er bei sich – zündete die Kerzlein an, packte eine
Schachtel Ersatzkerzen daneben in Reichweite - und verschwand in das Innere des
Lottoladens.
Staunend stand das Wachsengelchen nun dem Erzgebirgswichtel gegenüber und
betrachtete ihn entzückt. „Du“, faste es sich ein Herz und sprach ihn an, „Ich bin froh,
daß Du hier bist. Laß uns Freunde sein, ja?“. Das Männlein schaute es verwirrt an,
seine Knopfaugen funkelten im Schein des Kerzenlichtes. „Nun“, sprach er, „ich bin
es gewohnt, allein zu sein. Aber ich hätte doch nichts dagegen. „Fein!“, rief das
Wachsengelchen aus und schwebte ein Stückchen näher zu ihm hin, mit Bedacht
daß seine Flügelchen nicht dem Kerzenlicht zu nahe kamen. „Ich heiße Elvira“ .
„Und ich Robert“, taute der Erzgebirgsmajor immer mehr auf und staunte über sich
selbst.
Und so plauderten sie eine ganze Weile und die Zeit schien wie im Flug zu vergehen.
Onkel Hans hatte inzwischen schon das dritte Paar Ersatzkerzen an Roberts Händen
angesteckt und beide genossen die Zeit, das Licht und die Gemeinsamkeit. Erst jetzt
wurden sie gewahr, wie einsam sich jeder von ihnen die letzten Jahre gefühlt hatten,
in denen sie – immer zur selben Zeit – nur mal für einen kurzen Zeitraum aus den
Tiefen irgenwelcher leicht angestaubten Schubladen oder Kisten hervorgekramt wurden.
Engelchens Wachsbäckchen leuchteten in immer tieferem Rot und auch die Farben
seines Kleidchens nahmen an Farbe und Konturen wieder zu irgendwie. Es war alles so
zauberhaft, sie wünschten sich, dieser Augenblick ginge nie vorbei. „Ach“, seuftzten
beide „schon bald aber wird man uns weglegen und wir werden uns eine lange, lange
Zeit nicht sehen!“.
„Komm“, rief Elvira schließlich, „laß uns nicht Trübsal blasen, laß uns lieber Tanzen!“.
„Tanzen?“ Robert schaute ungläubig auf seine beiden ausgestreckten Arme mit
welchen er die Kerzen hielt. „Ich verstehe“, sagte Elvira, „macht nichts, ich umarme
Dich einfach und wir drehen uns“. Sie umfaßte Robert und sie begannen sich im Kreis
zu drehen, immer schneller, immer schneller. Ihre Gesichter wurden erhitzt und
leuchteten, die Kerzen sprühten Funken und dem Engelchen begannen wächsernde
Schweißperlen am kleinen Leib runterzulaufen. Roberts Holzärmchen wurden von den
Funken schon leicht angesengt und langsam fing sein ganzer Leib Feuer. Aber sie
tanzten und tanzten und drehten sich mit Schwung glücklich im Takt und zerschmolzen
immer mehr in dem funkelnden, sprühenden Feuerwerk ihres verzückten Tanzes.
Bevor Elvira nun ganz zerschmolzen in sich zusammensank hörte man nochmal von ihr
ein sich aufbäumendes, vor Glück übersprühendes, langgedehntes : „Ach!“.
© Kerstin Szanyi (November 2001)
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