Schneewittchens Zuflucht



Geblendet blinzelte das kleine Mädchen in das grelle Licht der Neonröhren über ihr. Von weit entfernt drangen Stimmen an ihr Ohr, Wortfetzen, die sie noch nicht verstand...“Interessanter Bruch..- Oberschenkelfraktur - .. Muskelriß- ... Parese Rechts...“. Sie lag auf einer Liege in einem riesigen kalten Saal , umringt von debattierenden Leuten in weißen Kitteln. Weiter hinten sah sie schemenhafte Umrisse von einigen sitzenden Gestalten, die in Bänken saßen und nach vorne zu ihr starrten. Sie fror. Die Pritsche mit kaltem Kunstlederbezug unter ihr machte es auch nicht gemütlicher. Jemand deutete mit großem Zeigestock auf ihr rechtes Bein, schob dabei einen Teil ihres Nachthemdes ein Stück höher. Die Berürung des kalten Holzes auf ihrer nackten Haut jagte ihr noch mehr Schauer über den Rücken. Wo war sie eigentlich? Ihr war es nicht genau klar; aber es war ein sehr unwirtlicher Ort...

Sie schloß die Augen und überlegte, wohin sie sich am besten flüchten könnte und wer sie sein wollte. Dornröschen? Nee, dann kriegte sie ja erst recht nicht mehr mit, was sie mit ihr machten. Und 100 Jahre Schlaf – das wär zuviel. Aschenputtel? Auch nicht so vielversprechend mit so blöden Stiefgeschwistern, die einem böses wollten. Schneewitchen? Die hatte es gemütlich bei den sieben Zwergen, die rührend für sie sorgten, ihr Tellerchen, Becherchen und Bettchen überließen; nach anfänglichem Murren, zwar, aber dann um so herzlicher. Dort würde sie es gut haben. Die würden auch keine dummen Fragen stellen oder Bemerkungen machen zu ihrem Bein. Sie müßte nur Acht geben auf diese komische alte Frau, die ab und zu vor dem Fenster erschien und ihr einen Apfel schenken wollte. Den durfte sie auf keinen Fall annehmen, soviel wußte sie inzwischen. Vor alten Frauen mit solchen Gesichtern mußte man auf der Hut sein. Die Frau, die sie zweimal in der Woche vom Kindergarten abholte, um sie zu den nötigen Behandlungen in die Klinik zu bringen, hatte auch so ein Gesicht. Irgendwie versteinerte Züge, keine Regung zeigend, furchteinflößend.

Bei diesen Behandlungen legte man ihr Elektroden ans rechte Bein, die mit Lederriemen festgezurrt wurden. Dann kamen die Stromstöße. Auf diese Weise – so erklärte man ihr - sollte der Muskel in ihrem Bein wieder aktiviert werden, der jetzt irgendwie noch schlief nach der Operation. Das überstieg aber ihre kindliche Vorstellungs kraft. Es wäre um vieles leichter, wenn in diesen Situationen ihre Mutter ihr die Hand halten könnte... Aber das war jetzt leider nicht möglich, das wußte sie. Sie würde ihr sagen müssen, daß sie nicht mehr von der alten Frau abgeholt werden will, sondern von den sieben Zwergen. Die würden sie tragen, da spielte es keine Rolle, daß sie noch nicht wieder so laufen konnte. Ja, ganz bestimmt würden sie die sieben Zwerge weg tragen, von einem Ort wie diesem hier: Hörsaal der Medizinischen Fakultät der Berliner Charité.

Hastig wischte sie diese Gedanken mit der Hand weg. Bloß nicht die Augen aufmachen! Sie war doch jetzt in dem kleinen Häuschen der Zwerge, das umringt war von einem kleinen allerliebsten Gärtchen mit Rosenstöcken und blauweißen Blumenrabatten. Die Sonne schien hell ins Fenster – und die Zwerge hatten gerade die alte Frau mit dem Apfel verscheucht... kochten ihr Griesbrei... Duft und Geschmack stiegen ihr in Nase und Gaumen.. Hmmm! Heimelige Wohlfühlwärme stieg in ihr auf... Und laufen und springen würde sie auch wieder können – so wie früher. - - -



(März 1998)